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Auswertung des Pilotprojektes zur Wiederansiedlung des Auerhuhns (Tetrao urogallus) in der Niederlausitz, Brandenburg

Niederlausitzer Auerhahn (L. Thielemann)

Analyse und Bewertung von Raum- und Habitatnutzung sowie Überlebensrate ausgewilderter Auerhühner

Im Rahmen des Pilotprojektes zur Wiederansiedlung des Auerhuhns (Tetrao urogallus) in der Niederlausitz wurden im Süden Brandenburgs gemäß Projektansatz in den Jahren 2012 und 2013 60 Auerhühner (8 Hähne, 52 Hennen), die aus einer stabilen Wildpopulation Schwedens stammen, ausgewildert.

Die Freilassung erfolgte in zwei von sieben großen Waldkomplexen rund um die Kleinstadt Finsterwalde. Die beiden Projektgebiete befinden sich in den Naturparken „Niederlausitzer Heidelandschaft“ (Auerhuhn-Entwicklungsraum „Liebenwerdaer Heide“; 38 ausgewilderte Auerhühner) sowie „Niederlausitzer Landrücken“ (Auerhuhn-Entwicklungsraum „Rochauer Heide“; 22 ausgewilderte Auerhühner). Jedes freigelassene Tier erhielt einen Fußring der Vogelwarte Hiddensee sowie einen farbigen Kennring, welcher eine individuelle Wiedererkennung der Tiere ermöglichte.

Die Mehrzahl der Tiere wurde vor der Freilassung mit GPS-Datenloggern ausgestattet. Damit konnten die Aufenthaltsorte der Tiere über Zeiträume von meist mehreren Monaten nachverfolgt werden. Mit Hilfe der gesammelten Daten (Lokalisationen) sollten grundsätzliche wissenschaftliche Fragestellungen geklärt werden, u.a. ob ein langfristiges Überleben der Art in der Region möglich ist.

Zur Beantwortung dieser Fragen wurden Aspekte des Überlebens, der Raumnutzung sowie der Habitatwahl analysiert. Im Rahmen dessen wurde die Überlebenswahrscheinlichkeit berechnet und die Mortalitätsursachen dargestellt. Anhand der Ausscheidung von Aktionsräumen und Kerngebieten wurde die Frequentierung der verschiedenen Waldgebiete (sowie der Migrationstrassen zwischen den Auerhuhn-Entwicklungsräumen) beschrieben. In einem weiteren Schritt wurden Habitatnutzungsmodelle erstellt. Mit Hilfe von ermittelten Umweltvariablen, die die Habitatwahl der Tiere beeinflussen, wird vorhergesagt, welche Waldgebiete der Region für eine Besiedlung mit Auerhühnern für die Zukunft eine wichtige Rolle spielen.

Nach der Freilassung streiften die Tiere zunächst weit umher. Großräumige Ackerfluren und breite Straßen wurden dabei problemlos überwunden. Nach einigen Wochen (individuell unterschiedlich) hatte die Mehrzahl der Auerhühner dennoch feste Aktionsräume etabliert. Auch Tiere mit ausgedehnten Suchräumen fanden in die Wälder der Projektgebiete zurück. Sie bewegten sich nun überwiegend in Aktionsräumen von durchschnittlich 200ha Größe (Kerngebiete).

Niederlausitzer Auerhenne (L. Thielemann)

Zu den ermittelten Mortalitätsursachen zählen in erster Linie Kollision mit Infrastruktureinrichtungen, wie Fahrzeugen, Freileitungen und Wildzäunen. Beutegreifer, speziell Rotfuchs und Habicht, waren in etwa gleicher Häufigkeit für Todesfälle verantwortlich. Dennoch hat die Hälfte Tiere ein halbes Jahr und länger im neuen Lebensraum überlebt. Die jährliche Überlebenswahrscheinlichkeit betrug 30%, die mediane Überlebensdauer 189 Tage. Diese Ergebnisse liegen deutlich über denen bisheriger Wiederansiedlungsprojekte in Gehegen gezüchteter Auerhühner. Damit wird deutlich, dass die umgesiedelten Wildfänge generell in der Lage sind, sich im neuen Lebensraum erfolgreich einzuleben.

Die für die Habitatwahl wichtigsten Umweltvariablen beschreiben Aspekte der Waldfragmentierung und Landnutzung auf der Landschaftsskala, d.h. im weiteren Umkreis der Aufenthaltsorte der Tiere. Dazu zählen ein ausreichend hoher Waldanteil und ein geringer Einfluss anthropogener Landnutzung in Form von Straßen, Siedlungen und landwirtschaftlich genutzten Offenflächen. Auch Waldbereiche mit einem hohen Kronenschlussgrad wurden gemieden.

Die Anwendung des Habitatnutzungsmodelles mit den entsprechenden Umweltvariablen ergibt im Betrachtungsraum geeignete Auerhuhnlebensräume von ca. 100 km2 Fläche. Die Eignungsgebiete sind meist fragmentiert, aber dennoch immer groß genug, um jeweils mehrere Tiere aufzunehmen. Die nachgewiesene Mobilität der Tiere hat gezeigt, dass ein Austausch zwischen diesen Teilbeständen nicht nur möglich ist, sondern immer wieder stattfindet.

Infolge des anfänglichen Fehlens von Hähnen (Aussetzungen erst ab 2013) konnte das Reproduktionsvermögen in der kurzen Projektlaufzeit nur eingeschränkt untersucht werden. Eine nachweislich erfolgreiche Brut fand bereits im Jahr 2013 statt (genetischer Nachweis; Auerhenne kam befruchtet nach Deutschland). Hinweise auf Reproduktion gibt es aber auch für 2014 (Sichtungen mehrerer Tiere zum Ende der Aufzuchtsperiode in beiden Projektgebieten die als Gesperre gewertet werden können). Sie lassen den Schluss zu, dass erfolgreiche Jungenaufzucht im Betrachtungsraum unter den gegebenen Rahmenbedingungen möglich ist.

Neben der im Projektansatz verfolgten Methode der Translokation von Wildvögeln, wurde im Laufe der Studie auch ein in Polen entwickelter Ansatz zur naturnahen Aufzucht und sanften Auswilderung junger Auerhühner unter Anleitung einer Auerhenne mit der Bezeichnung “born to be free“ erfolgreich praktiziert. Auf diese Weise wurden in den beiden Projektgebieten 15 Auerhühner (zehn Hähne, fünf Hennen) erfolgreich ausgewildert (mehrmonatiges Überleben nachgewiesen). Die Methode stünde künftig als Ergänzung zur empfohlenen Wiederansiedlung überwiegend mit schwedischen Wildvögeln zur Verfügung.

Die vorliegenden Ergebnisse sprechen für die Durchführung einer gezielten Wiederansiedlung des Auerhuhns in Brandenburg unter Nutzung der gewonnenen Erfahrungen und der im Gebiet vorhandenen Organisationsstrukturen. Die im Zuge des Pilotprojektes entstandene lokale Population des Auerhuhns spricht für eine zeitnahe Fortsetzung des Vorhabens, um diese etablierten Tiere (gegenwärtig etwa 10-15 in jedem der beiden Projektgebiete basierend auf Sichtnachweisen nach Beendigung der Senderlaufzeit) als Anker für die künftig freizusetzenden Tiere zu nutzen.

L. Thielemann, 2014

2014: Das Jahr der wissenschaftlichen Auswertung des Auerhuhn-Pilotprojektes

Foto: Archiv Naturpark/L. Thielemann

Nach zwei Jahren (2012 und 2013) der Datenaufnahme kann mit der wissenschaftlichen Auswertung der Auerhuhn-Daten begonnen werden. Von den besenderten Tieren in den Projektgebieten „Liebenwerdaer Heide“ und „Rochauer Heide“ wurde eine große Anzahl an GPS-Verortungen aufgenommen. Anhand dieser Daten soll nun überprüft werden, ob sich durch die eingeleiteten Maßnahmen (z.B. Waldumbau, Auflichtung der Bestände, Wiedervernässung von Mooren) die Lebensbedingungen für die Auerhühner wieder verbessert haben, so dass den Tieren ein langfristiges Überleben in der Region möglich ist.

Die Bearbeiter des Auerhuhn-Projektes in Bad Liebenwerda werden bei der wissenschaftlichen Auswertung vom Forschungsinstitut für Bergbaufolgelandschaften Finsterwalde e.V. (FIB) tatkräftig unterstützt. Zum Team des FIB gehören:

  • Dr. Christian Hildmann (Leiter der Abteilung Gewässersanierung und Naturschutz)
  • Dr. Beate Zimmermann (Ökologie, Hydrologie) – Hauptbearbeiterin
  • Dipl.-Biol. Ingmar Landeck (Ökologie, Naturschutz)

 

Untersuchungen zu Mortalitätsursachen / Überlebensdauer, zur Raumnutzung (Aktionsräume) und zur Habitatnutzung (geeignete Biotoptypen) sind Hauptbestandteile der Auswertung. Dabei werden verschiedenste Datengrundlagen zur Bearbeitung mit Geographischen Informationssystemen genutzt, z.B. die Forstliche Standortkartierung (Wuchsbedingungen eines Waldstandortes hinsichtlich Klima, Wasser- und Nährstoffversorgung); eine umfangreiche Biotopkartierung der Projektgebiete und eine Luftbildauswertung mit Kartierung des Kronenschlussgrades, der Wuchsklassen und der Haupt- und Mischbaumarten. Fachlich unterstützt wurde das Projektteam hierbei von Dr. Annett Frick vom LUP Umwelt und Planung. Die Biotopkartierung wurde in Zusammenarbeit mit der Naturwacht des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft und dem Naturpark Niederlausitzer Landrücken erarbeitet. 

Zur Unterstützung des Projektes wird gebeten alle Sichtungen von Auerhühnern zeitnah an die Projektkoordinatorin Diana Sachs weiterzuleiten.   Hierfür bitte den Auerhuhn-Meldebogen nutzen. Die Tiere bekamen vor ihrer Freisetzung Farbringe zur Kennzeichnung und Wiedererkennung. Für die Liebenwerdaer Heide wurden gelbe und für die Rochauer Heide blaue Ringe benutzt, welche jeweils mit einer zweistelligen Nummer und einem Buchstaben versehen sind.Bedeutsam sind zudem indirekte Nachweise. Dazu zählen Losungswalzen (Henne: 4cm, Hahn: 5cm lang); Fladenlosung (Mai – September: Beleg für Verzehr von Beeren, Blüten und Blättern); Flügelschlag (durch große Schwingen lautes polterndes Geräusch); Huderstellen für Staubbäder oft mit Federn und Federn allgemein, besonders zur Mauser zwischen Juni und August.