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24.04.2012 08:59 Alter: 5 yrs

Der Loben ist Identifikationsort über Generationen

Moorexpertin Vera Luthardt über den Reiz, den emotionalen und den sachlich-nüchternen Zugang zu einem selten gewordenen Naturareal


Elsterwerda Die Ergebnisse des Wiedervernässungsprogramms für das Moorgebiet bei Hohenleipisch werden auch für den unkundigen Betrachter mehr und mehr deutlich. Neben breiter Zustimmung für das Vorhaben regt sich im Ort auch Widerspruch. Er gipfelt in der Frage: Wer will das Moor eigentlich? Die RUNDSCHAU sprach mit Prof. Dr. rer. nat. Vera Luthardt, Moorexpertin von der Hochschule für nachhaltige Entwicklung (FH) in Eberswalde. </header><//header><figure align="left" class="articleImage gradient clearfix zoom"></figure><figcaption class="articleImageCaption"></figcaption></figcaption><//figcaption></figure><//figure>

Kennen Sie das Moor im Naturschutzgebiet bei Hohenleipisch aus eigener Anschauung?
Ja, ich war des Öfteren mit Studierenden vor Ort, um ihnen imposante Moore und ein sehr gut gelungenes Moorrenaturierungsprojekt zu zeigen. Durch kundige Führungen werden neben dem fachlichen Moorwissen sehr viele Erfahrungen zum Projektmanagement, zu den Abstimmungen, den Genehmigungen, der touristischen Einbettung und anderem mehr vermittelt. Es ist zudem eine sehr beeindruckende Landschaft, die man so in der eher monotonen Lausitz nicht vermutet.

Wodurch zeichnet sich dieses Moorgebiet aus?
Das Lobengebiet in seiner wechselvollen Geschichte ist ausgesprochen vielfältig. In der durch den Tagebau doch sehr belasteten Landschaft hat sich hier eine der letzten großen Waldmoorareale in der Lausitz und auch bezogen auf das ganze Land Brandenburg erhalten. Diese ist nicht nur durch die wachsenden Moore mit den Torfstichen als ganz besondere Lebensräume geprägt, sondern auch die Einbettung in die Landschaft mit abwechslungsreichen Landschaftsbildern, vielen Pflanzen- und Tierarten, insbesondere den zahlreichen Vogelarten, die uns im Moment durch ihre Frühlingskonzerte erfrischen, hat einen ganz besonderen Reiz. Der Loben als großes Feuchtgebiet gehört zu Hohenleipisch – ist Identifikationsort über Generationen hinweg. Das belegt die alte Sage vom "Lobenhirtchen" ebenso wie der Name des Heimatvereins "Die Lobenburger".

Wie werten Sie die Ziele des Moorschutzrahmenplanes des Landes Brandenburg aus dem Jahr 2006?
Der Moorschutzrahmenplan ist eine in die Zukunft weisende Strategie für den Moorschutz in Brandenburg. Er widmet sich in erster Linie den noch halbwegs naturnahen Mooren und deren Schutz. Wir haben für diese ganz spezifischen Ökosysteme eine inter- und nationale Verantwortung. Sie sind Orte einer interessanten und sehr eigenen biologischen Vielfalt an Lebensformen und bereichern unsere Landschaft in vielfältiger Hinsicht. Auch sechs Jahre nach seinem Erscheinen hat der Moorschutzrahmenplan in keinster Weise an Gültigkeit verloren. Die Ziele waren und sind ambitioniert gesteckt und wir sollten alle Anstrengungen unternehmen, sie Schritt für Schritt umzusetzen.

In Hohenleipisch ist Kritik daran laut geworden, dass mit der Wiedervernässung des Moores Waldbestände im Landesforst absterben und ganze Bereiche sowie bisher genutzte Wege nicht zu betreten sind. Welchen Preis sollten die Bürger nach Ihrer Auffassung bereit sein zu zahlen für welchen Effekt?
Von ehemals sieben Prozent der Landesfläche Brandenburgs befinden sich heute noch 0,2 Prozent in einem wachsenden Zustand! Das sollte man sich verdeutlichen. Im Lobengebiet sind meines Wissens nach den Maßnahmen 2005 einige Teilbereiche von Birkenwäldern abgestorben. Auch auf naturnahen Mooren gibt es einen kurzen Zyklus des Aufwachsens und wieder Absterbens von Bäumen aufgrund der Wassersättigung des Standortes. Das gehört dazu und ist deshalb ein bekanntes Bild von Moorlandschaften.

Inzwischen haben sich die neu aufwachsenden Gehölze an den neuen Wasserstand angepasst. Zu den Wegen: Nur die sogenannte Moorlinie ist phasenhaft überflutet. Auch das ist nichts Neues, sondern war auch früher schon so. Man möge sich bitte daran erinnern. Was ist das für ein Preis, wenn man mal einige Wochen einen Weg nicht begehen kann? Dafür aber der Tourismus befördert wurde, zahlreiche Wanderwege instand gesetzt, mit Beobachtungstürmen belebt wurden und anderes mehr. Kann man landschaftliche Vielfalt, abwechslungsreiche Sichten, Eindrücke von Wildnis, Ruhezonen und Vogelgezwitscher mit einem Preis belegen? Darüber grübeln derzeit viele Wissenschaftler im Rahmen des Konzeptes der zu honorierenden Ökosystemdienstleistungen. Bisher kann man für Moore nur die Kohlenstoffbindung als wichtige Leistung zur Milderung des Klimawandels in Euro und Cent ausdrücken. Deren Vermarktung läuft derzeit an. Darüber kann man sich in Mecklenburg/Vorpommern auf der Internetseite der ,Moorfutures' informieren. In Brandenburg ist Gleiches in Vorbereitung. Man wird sehen, in welche Richtung diese Entwicklung weiter läuft.

Die Kritik geht bis hin zu einer Mückenplage, die im Zusammenhang mit der Wiedervernässung befürchtet wird. Was sagt Ihre Erfahrung?
Wer im Garten eine Regentonne zu stehen hat, weiß, dass sich in dieser eine ungeheure Menge an Mückenlarven entwickeln. Schaut man dann in den Teich daneben, ist deren Anzahl wesentlich geringer. Die Ursache liegt hierfür in den natürlichen Fressfeinden. Für zahlreiche Insektenlarven, Amphibien, Wassergetier sind sie Nahrungsgrundlage. Es pendeln sich Gleichgewichte ein. Jedoch weiß auch jeder, dass gerade Mücken dazu neigen, je nach dem Witterungsgeschehen mal eine wahre Plage zu sein und dann in anderen Jahren überhaupt nicht auffällig sind. Das war schon immer so und ist durch ein reich belebtes, wieder vernässtes Moor überhaupt nicht gesteuert.

Mit welchen Argumenten operiert die Moorschutzexpertin, um Gegnern diese Naturform sympathisch zu machen und gibt es für die Hohenleipischer vielleicht sogar ganz spezielle Argumente?
Die speziellen Argumente habe ich oben schon genannt. So ein Moorgebiet, eingebettet in eine Landschaft aus Kiefernforsten, Heideflächen, Eichenwald und Offenlandflächen hat eben sonst keiner. Sympathie für diese Naturform zwischen Wasser und Land entwickelt jeder, der in den frühen Morgenstunden eines heißen Tages durch ein Moorgebiet ohne Handy und MP3-Player wandert. Für diejenigen ohne diesen emotionalen Zugang sind die wichtigen Landschaftsfunktionen dieser Ökosysteme schwerwiegende Argumente: Sie dienen der Wasserspeicherung und Grundwassermehrung, als Hochwasserschutz, als Kleinklimaräume mit kühlender und befeuchtender Wirkung in den heißen Sommerzeiten, als Stoffsenken und "Fallen" für Kohlenstoff, als Lebensräume für spezielle Arten, aber auch als Rückzugsräume und Tränken für die Tierarten der Wälder und des Offenlandes. Sie sind Räume, in denen man natürlich ablaufende Prozesse noch erleben und erforschen kann, in einer ansonsten durch den Menschen gesteuerten Umgebung. Sie gehören zu dem Gefüge unserer in der Eiszeit geformten Landschaft unwiederbringbar dazu.

Wie wirkt die Hochschule für nachhaltige Entwicklung am Moorschutz im Land mit?
Wir bilden mit unseren Studierenden in verschiedenen Studiengängen Multiplikatoren für das Wissen um Moore, ihre wichtigen Funktionen im Landschaftsgefüge und ihr Management aus. In zahlreichen angewandten Forschungsprojekten unterstützen wir Praktiker, indem wir ihnen Entscheidungshilfen zur Verfügung stellen. So zum Beispiel zum Management von Waldmooren oder zur Bestimmung von Torfarten.

Wir begleiten auch Wiedervernässungsmaßnahmen durch Erfolgskontrollen, um so bessere Empfehlungen für zukünftige Projekte geben zu können. In einem weiteren Projekt befassen wir uns gegenwärtig mit den eventuellen Auswirkungen des Klimawandels auf unsere Moore. Auch der Moor-Erlebnispfad Menz ist ein Ergebnis kreativer studentischer Arbeiten an unserer Hochschule. Alle diese Aktivitäten betreiben wir aktiv weiter, denn: Es gibt noch viel zu tun für den Schutz unserer naturnahen Moore in der Landschaft.

Zum Thema:
An der Hochschule
für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde werden in Forschungsprojekten wie zum Beispiel zum Management von Waldmooren (www.DSS-WAMOS.de) oder zur Bestimmung von Torfarten (www. mire-substrates.com) Entscheidungshilfen für die Praxis gegeben. Im Jahr 2006 ist für den Moorschutz in Brandenburg von NaturSchutzFonds und dem Landesumweltamt ein Moorschutzrahmenplan ins Leben gerufen worden. Gefördert werden vom NaturSchutzFonds Moorprojekte nach einer Prioritätensetzung, deren Grundlagen die Gefährdung, die Schutzverantwortung, der Raumwiderstand und das Wasserdargebot sind. Ausführliche Informationen über Prioritäten, Maßnahmen und eine Liste von sensiblen Mooren mit Handlungsvorschlägen sind in der 50-seitigen Broschüre "Moorschutzrahmenplan" zusammengefasst. Die Publikation kann beim NaturSchutzFonds / presse@natur-schutzfonds.de beziehungsweise beim Landesumweltamt / infoline@lua.brandenburg.de kostenlos bestellt werden.Eine Projektgruppe "Moorschutz" nahm im Juni 2007 im Landesumweltamt ihre Arbeit auf. Arbeitsschwerpunkte: konzeptionelle und fachliche Erarbeitung, Begleitung und Betreuung von Moorschutzprojekten im Land Brandenburg. Das Hauptziel: Wiedervernässung von Mooren, um Voraussetzungen für Torfwachstum zu schaffen. Wichtige Projektpartner sind die Wasser- und Bodenverbände, die Landschaftspflegeverbände, die Naturschutzvereineund die unteren Naturschutz-, Landwirtschafts- und Wasserbehörden der Landkreise.

Auszug aus der Lausitzer Rundschau vom 19.4.12 von Frau Böttcher

http://www.lr-online.de/regionen/elsterwerda/Der-Loben-ist-Identifikationsort-ueber-Generationen;art1059,3763342