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22.10.2012 08:53 Alter: 5 yrs

"In Grünhaus ticken die Uhren anders"

Stefan Röhrscheid zieht nach zehn Jahren im Naturparadies Bilanz


Dr. Stefan Röhrscheid in der Bergbaufolgelandschaft Grünhaus. Einen Teil der im Hintergrund befindlichen Randböschung der Innenkippe Klettwitz will der Naturschützer für verschiedene seltene Arten möglichst dauerhaft erhalten. Foto: T. Richter/trt1

Bizarre Kippen, trockene Wüsten, eine Seenkette und entstehende Wälder ? das Naturparadies Grünhaus zählt zu den dynamischsten Gegenden der Lausitz. Arten kommen, Arten gehen. </header><//header><figure align="left" class="articleImage gradient clearfix zoom"></figure><figcaption class="articleImageCaption"></figcaption> Dr. Stefan Röhrscheid in der Bergbaufolgelandschaft Grünhaus. </figcaption><//figcaption></figure><//figure>

Dr. Stefan Röhrscheid, Projektleiter der rund 2000 Hektar großen Fläche im Eigentum der Nabu-Stiftung "Nationales Naturerbe" und sein Team sind maßgeblich daran beteiligt, dass Grünhaus wieder zu dem wird, was es vor dem Bergbau war, nämlich ein Naturparadies. Die RUNDSCHAU sprach mit über Erreichtes, im Werden Begriffenes und Zukunftsvisionen.

Herr Röhrscheid, vor zehn Jahren begann ihre Arbeit in einer der faszinierendsten Gegenden der Lausitz. Können Sie sich noch an Ihren ersten Tag in Grünhaus erinnern?
Sehr gut sogar. Es war ein wettermäßig trister Februartag im Jahr 2002. Da stand ich am jetzigen Heidesee und fühlte mich in die russische Tundra versetzt. Irgendwie berührte mich die Landschaft von Beginn an: die Dimension, die Menschenleere und die Arten, die das Tagebauareal bereits besiedelt hatten. Ich fühlte mich völlig frei, ohne jeglichen Zeitdruck. Bereits von der ersten Stunde in Grünhaus an habe ich gemerkt, dass dort die Uhren anders ticken.

Was sehen Sie als größten Verdienst in Ihrer Tätigkeit in der Lausitz an?
Zunächst betrachte ich mich natürlich als Teil unseres Teams. Ohne die engagierten Mitstreiter wäre die Arbeit nicht zu bewältigen. Von außerordentlicher Bedeutung war, dass es der Stiftung gelungen ist, in drei Schritten einen Großteil der Bergbaufolgelandschaft Grünhaus zu erwerben. Insgesamt sind es knapp 2000 Hektar in den früheren Tagebauen Klettwitz, Klettwitz-Nord und Kleinleipisch. Damit wurde der Grundstein für eine nachhaltige Naturschutzarbeit gelegt.

Wie vertragen sich die notwendige bergbauliche Sanierung und der Naturschutzgedanke?
Ich denke, dass inzwischen beide Partner nicht mehr ohne einander können. Wir benötigen die Bergbausaniererin LMBV, um unsere Flächen sicher, also zugänglich, zu gestalten. Und wir geben den Bergleuten, soweit es möglich ist, Anregungen, im Rahmen ihrer Arbeit auf Naturschutzaspekte praktisch Einfluss zu nehmen.

Hat es während dieser Phase auch mal Konflikte gegeben?
Grundsätzlich gilt: Wir pflegen mit den Bergbausanierern eine fruchtbare Zusammenarbeit. Konflikte lassen sich nicht immer vermeiden. In manchen Fällen sind Wünsche an die Landschaftsgestalter nicht immer genauso umsetzbar. Aus unserer Sicht hätte beispielsweise diese oder jene Steilböschung als Lebensraum für seltene Arten durchaus mehr erhalten werden können.

Wie wirken sich die bergbaubedingten Sperrungen auf die Naturschutzarbeit aus?
Von unseren 2000 Hektar Fläche sind rund 500 Hektar absoluter Gefahrenbereich. Dieser darf vor dem Ende der Sanierung von niemandem betreten werden. Die Sanierung findet dort unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen statt. Weitere 1000 Hektar sind derzeit wegen bestehender Gefahren für die Öffentlichkeit gesperrt, aber für die Nabu-Stiftung auf bestimmten Routen und unter strengen Verhaltensanforderungen mit einer Sondergenehmigung der LMBV betretbar. Jahr für Jahr werden die entsprechenden Areale mit den Bergbausanierern abgestimmt. Durch die Sperrungen sind uns mehrere Dauerbeobachtungsflächen für längere Zeit entzogen worden. Das ist für die praktische Arbeit und die Wissenschaft ein erheblicher Nachteil.

Wie hat sich die Landschaft in Grünhaus seit Ihrem ersten Besuch vor zehn Jahren verändert?
An gar nicht wenigen Stellen ist das Land kaum mehr wiedererkennbar. Zum einen fällt natürlich die zunehmende Besiedlung der Bergbaufolgelandschaft ins Auge. Wo sich im Jahr 2002 noch mondlandschaftsähnliche Flächen befanden, wächst heute ein von Kiefer und Birke geprägter Pionierwald heran, etwa auf der Hochkippe Grünhaus im westlichen Teil des Gebietes. Zum zweiten wandern immer mehr Tiere und Pflanzen ein. Wurden zur Jahrtausendwende 1300 Arten gezählt, sind es heute bereits über 3000. Von diesen gilt etwa ein Drittel als gefährdet. Eine wichtige Strategie zur Sicherung der Artenvielfalt ist es, die noch vorhandenen Rohböden, wo immer es geht, ohne Kalkzugabe und künstliche Begrünung zu erhalten. Dies ist eine wichtige Vorgabe an die Bergbausanierung, die wir durch den Kooperationsvertrag mit der LMBV gesichert haben. Wegen des Säuregehaltes lassen diese Böden lediglich eine sehr langsame Besiedlung mit Pflanzen zu. Nur durch Erhalt dieser Rohböden kann ein Großteil der jetzt vorhandenen Arten im Gebiet überleben. So haben Arten wie beispielsweise der Brachpieper, von dem bundesweit nur noch 3000 Brutpaare nachgewiesen sind, der Steinschmätzer und die Feldlerche eine dauerhafte Überlebenschance.

Wie könnte es im Naturparadies Grünhaus in 50 oder 100 Jahren aussehen?
Ich denke, dass nur noch hier und da Spuren auf die bergbauliche Vergangenheit hindeuten werden. Damit meine ich besonders Böschungsbereiche. Andernorts wird von Natur aus ein Wald herangewachsen sein. Für mich als Forstmann ist dabei besonders interessant, welche Baumartenmischung dieser genau haben wird. Heute sehe ich viele Kiefern und unter diesen erste Eichenkeimlinge. Aber es gehört wahrscheinlich zur Realität, dass sich auch konkurrenzkräftige und aus Naturschutzsicht wenig beliebte "Neubürger" wie die Robinie und die spätblühende Traubenkirsche ihren Anteil sichern. Viele Fragen warten auf Antwort.

Welche Rolle wird der Tourismus künftig in Grünhaus spielen?
Die Gegend soll sich zu einem Anziehungspunkt für Naturfreunde entwickeln. Momentan ist die Besichtigung nur in geführten Gruppen möglich. Mittelfristig soll an der Seeteichsenke ein Aussichtshügel entstehen, von dem man auf eigene Faust wunderbar die Kraniche beobachten kann, sobald die Flächen von der LMBV wieder für eine Betretung freigegeben sind.

Sie sind 48 Jahre alt. Überkommen Sie manchmal Zweifel, ob die gesteckten Ziele bis zu Ihrer Pensionierung erreicht werden können?
Das ist tatsächlich so. Ich denke dabei vor allem an die Sanierung in Grünhaus, die die Nabu-Stiftung bis zum Schluss naturschutzfachlich begleiten wird. Es finden bei uns ja deutlich mehr Sanierungsarbeiten statt, als zum Zeitpunkt des Flächenankaufs gedacht. In jüngster Zeit beschlichen mich deshalb erste Zweifel, ob ich deren Ende noch in meinem Berufsleben erleben werde. Aber das sage ich derzeit noch mit einem gewissen Augenzwinkern. Die Frage wird eher sein, wann wir das Gelände wieder ganzflächig betreten können. Für mich wäre es eine Herzensangelegenheit, die bereits vorhandenen Flächen in unserem Beobachtungsnetz wieder nutzen zu können.

Am 4. August 2013 jährt sich der erste Flächenkauf der Nabu-Stiftung in Grünhaus zum zehnten Mal. Wird es eine Festveranstaltung geben?
Ja. Wir planen aus diesem Anlass eine Vortragsveranstaltung mit Exkursionen in das Gebiet. Als Termin ist bereits der 23. Mai 2013 festgelegt. Gefeiert wird im Finsterwalder Logenhaus.

Mit Dr. Stefan Röhrscheid sprach Torsten Richter/trt1

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Das Naturparadies Grünhaus erstreckt sich im Bereich der drei ehemaligen Tagebaue Klettwitz, Klettwitz-Nord und Kleinleipisch zwischen den Städten Finsterwalde und Lauchhammer. Es umfasst eine Fläche von 1930 Hektar. Ein Hauptziel ist es, der Natur eine selbstständige Wiederbesiedlung der einstmals vegetationslosen Kippenlandschaft zu ermöglichen. Dort fühlen sich inzwischen zahlreiche Pflanzen- und Tierarten wohl, die es anderswo in Brandenburg kaum noch gibt. trt1

Zum Thema:
Dr. Stefan Röhrscheid (48) leitet das Projektbüro Grünhaus. Der gebürtige Nordhesse hat an der Universität München Forstwissenschaften studiert. Bereits im Jahr 1990 lernte Röhrscheid die Naturschönheiten der DDR kennen. In der Lausitz ist der Wissenschaftler und Forstmann seit dem Jahr 2002 tätig. trt1

Zum Thema:
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Auszug aus der Lausitzer Rundschau vom 18.10.12 von Torsten Richter

http://www.lr-online.de/regionen/weisswasser/In-Gruenhaus-ticken-die-Uhren-anders;art13826,3986679