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06.04.2017 12:03 Alter: 138 days

Vogel mit Migrationshintergrund


Der weltweite Tag des Artenschutzes wird seit mehr als 40 Jahren begangen. Verbessert hat sich die Situation kaum. Doch es gibt einzelne Projekte, die sich gegen den Trend stemmen. Steinkauz und Auerhuhn galten in Brandenburg als ausgestorben, nun leben sie wieder hier. Für andere Tiere dagegen haben selbst Experten wenig Hoffnung.

Dahmeland-Fläming . Seit mehr als 40 Jahren wird weltweit am 3. März der Tag des Artenschutzes begangen, doch verbessert hat sich die Situation nicht. Ein Drittel aller Tier- und Pflanzenarten auf der Erde ist akut vom Aussterben bedroht. Betroffen sind dabei nicht nur bekannte Arten wie Panda und Nashorn. Die Situation für die biologische Vielfalt sei hierzulande nicht befriedigend, heißt es in einer Erklärung des Brandenburger Umweltministeriums. Rund die Hälfte aller heimischen Arten und drei Viertel der Lebensräume sind demnach gefährdet. Ehemals weit verbreitete Arten sind seit vielen Jahren ausgestorben, darunter der Feldhamster. Auch das Auerhuhn war betroffen. 1998 wurde die letzte Henne in der Niederlausitz gesichtet, nachdem die Tiere dort jahrhundertelang heimisch gewesen waren. Heute leben wieder mehr als 60 Auerhühner in der Region, eine Arbeitsgruppe hat die Tiere im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft angesiedelt. Dies ist nicht das einzige erfolgreiche Projekt dieser Art. Im Naturpark Nuthe-Nieplitz läuft ein Wiederaussiedlungsprojekt mit Steinkäuzen. Mindestens 15 Paare der possierlichen Vögel leben dort.

Lebensraum für die Tiere muss geschaffen werden

Dabei ist ein solches Wiederansiedlungsprojekt hochkomplex, wie Lars Thielemann, der Leiter des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft erklärt. „Es ist nicht damit getan, einfach ein paar Auerhühner in die Landschaft zu setzen“, sagt er. Es sei eine ganze Reihe von Bestimmungen einzuhalten. Weil es viele gescheiterte Projekte gibt, wurden klare Kriterien festgelegt, die erfüllt sein müssen. Unter anderem muss der Grund für das Aussterben einer Tierart bekannt und vom Menschen beeinflussbar sein. Dann muss der Lebensraum geschaffen werden, welchen die Tiere benötigen. In Nuthe-Nieplitz hat der Landschaftsförderverein 3000 Hektar Land angekauft und renaturiert, lange bevor der erste Steinkauz über die Wiesen flog. „Wir mussten all die negativen Effekte rückgängig machen, die eine intensive, auf möglichst hohen Ertrag ausgerichtete Landwirtschaft mit sich bringt“, sagt Peter Koch vom Landschaftsförderverein, „das ist ein Riesenaufwand.“ Im Naturpark darf kein Pflanzenschutzmittel eingesetzt werden, ausschließlich organischer Dünger in geringen Mengen ist erlaubt. Für den Kauz wurden Streuobstwiesen angelegt, Hecken und Feldgehölze. Peter Koch und seine Mitstreiter haben ein Steinkauz-Paradies geschaffen.

Verpartnerung im Großen und Ganzen erfolgreich

2010 wurde es dann ernst. Die ersten sechs von einem Züchter stammende Kauzpaare wurden auf Reviere verteilt. In Volieren durften sie sich an ihre neue Umgebung – und den zugeteilten Partner – gewöhnen, bevor es in die Natur ging. „Wir können die ja nicht einfach in die Luft werfen und sagen, na, jetzt kommt mal klar“, sagt Kauz-Experte Koch. Stattdessen geht man es langsam an, wartet auf Kauznachwuchs. „Solche Zwangsehen klappen zum Glück sehr gut“, sagt Peter Koch. Es gebe auch mal Paare, bei denen kein Nachwuchs entstünde, aber im Großen und Ganzen sei die Verpartnerung erfolgreich. Erst vor kurzem konnte das Projekt eine halbe Million Euro Fördergelder von der EU verbuchen. Die werden auch gebraucht, bis sich die Steinkauz-Population selbst erhalten kann, wird es noch einige Jahre dauern. So ist es auch beim Auerhuhn. „Konservativ geschätzt haben wir momentan mindestens 60 Tiere“, sagt Naturpark-Chef Lars Thielemann. Rund 100 Vögel sollten es sein, dann könne sich der Mensch langsam zurückziehen und die Population sich selbst überlassen. 2020 soll dieses Ziel erreicht werden. Bis dahin werden jedes Jahr 60 Auerhühner in Schweden gefangen und in Südbrandenburg wieder ausgesetzt. Tiere vom Züchter würden nicht überleben, sagt Thielemann. Deshalb entführt er Hühnervögel in Nordeuropa. Mit staatlicher Erlaub

Verlust an Vielfalt in Mitteleuropa

Für den Naturparkleiter ist der Artenschutz ein wesentlicher Bestandteil seiner Arbeit. „Biodiversität ist für uns Menschen genauso entscheidend wie es die Folgen des Klimawandels sind“, sagt er. In Mitteleuropa gebe es eine dramatische Erosion von Arten. „Das ist ein großer Verlust an Vielfalt, die wir Menschen zu verantworten haben.“ Genau deshalb ist das Auerhuhnprojekt für Thielemann eine Herzensangelegenheit. „Das Auerhuhn ist zum Glück charismatisch, man könnte sagen, sexy genug, um Leute zu begeistern", so Thielemann. In seiner Arbeitsgruppe sitzen Förster, Jäger und Naturschützer an einem Tisch. Das sei nicht bei jedem Tier denkbar. „Beim Wolf ist es schwierig, auch der Feldhamster hat kein positives Image“, sagt Thielemann, „doch das Auerhuhn begeistert die Menschen, das erleichtert die Arbeit sehr.“ Und wenn es wieder angesiedelt ist, bringt es automatisch andere Tiere mit, Waldschnepfen, Kreuzottern und Sperlingskäuze sind im Auerhuhn-Schlepptau. „Wenn eine Art wegfällt, hat das Folgen für andere“, sagt Thielemann. Für den Naturparkleiter ist klar, dass der Mensch nicht nur an einem internationalen Aktionstag für die Artenvielfalt einstehen muss: „Wir sollten begreifen, dass auch Artenvielfalt eine Form von Lebensqualität ist.“ Von Saskia Kirf

Auszug aus der Märkischen Allgemeinen Zeitung - Dahmeland Fläming von Saskia Kirf

www.maz-online.de/Lokales/Teltow-Flaeming/Vogel-mit-Migrationshintergrund