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12.03.2019 08:28 Alter: 252 days

Aus einer knorrigen wird blühende Landschaft in Hohenleipisch


Gespräch unterm knorrigen, aber weiterhin tragenden Kirschbaum. Sie wollen dem Raum Hohenleipisch/Döllingen zu alter Obstbaumblüte verhelfen und sind zuversichtlich: Jörg Kösters vom Verein Kerngehäuse; Jana Opitz, in der Naturparkverwaltung Sachbearbeiterin Landnutzung und Regionalentwicklung, und Gert Anders, seit dem Jahr 2016 Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Hohenleipisch. FOTO: LR / Manfred Feller

Hohenleipisch. Dies ist eine Generationenaufgabe: In dem ländlichen Raum Hohenleipisch/Döllingen sollen die ertragreichen Obstbauzeiten wiederbelebt werden. Die weithin bekannten Streuobstwiesen werden revitalisiert. Von Manfred Feller

Die werktätige Bevölkerung kann es kaum erwarten, dass in dem ausgedehnten Obstanbaugebiet um Hohenleipisch und Döllingen zunächst die Ernte der Erdbeeren, dann der Kirschen, Äpfel und Birnen beginnt. Allein die vielen Erdbeerpflücker sind von 3.30 Uhr am Morgen bis in den Abend hinein auf 75 Hektar Anbaufläche hockend und gebückt unterwegs, um die süßen Früchtchen von den mehr als zwei Millionen Pflanzen zu ernten. Am Ende der Saison kommen sagenhafte 110 Tonnen zusammen. Beim anderen Obst sind es 51 Tonnen. Diese Erträge stammen allein von dem 182 Mitglieder zählenen Obst- und Gartenbauverein Hohenleipisch. Hinzu kommt noch das, was vom Agrarbetrieb „Blühendes Land“ geerntet wurde.

Mit diesen Ergebnissen ist das Gebiet Hohenleipisch/Döllingen nach Werder an der Havel das zweitwichtigste Obstanbaugebiet im Osten – nicht heute, sondern 1963, im Jahr 1 nach der Gründung des Obst- und Gartenbauvereins. So steht es in der Festschrift des Vereins zu seinem 55. Geburtstag. In den Jahrzehnten danach und bis zur Wende sind jährlich zwischen 350 und 1300 Tonnen Erdbeeren und mehr als 1000 Tonnen Süßkirschen geerntet worden, schreibt Klaus Dietrich aus Plessa im regionalen Heimatkalender des Jahres 1996.

Der Ursprung des intensiven Obstanbaus in dieser Gegend lag 1963 bereits fast 100 Jahre zurück. Im Jahr 1914 seien schon um die 6000 Kirschbäume gezählt worden sein. Mit den anderen Obstsorten sollen es in der Folgezeit etwa 20 000 Bäume gewesen sein. Die Früchte wurden auch in den umliegenden Großstädten abgesetzt und galten in Mangelzeiten als beliebte Tauschware – bis zum Mauerbau in Westberlin und in der DDR selbst. „Das Obst war früher wie eine zweite Währung“, weiß Gert Anders, seit drei Jahren Vorsitzender des Obst- und Gartenbauvereins Hohenleipisch.

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Nach 1989 folgte der Zusammenbruch dieses Wirtschaftszweiges, der auch den kleinen Obstbauern in der Summe Hunderttausende DDR-Mark in die Haushaltskassen gespült hatte. Das teuer gepflückte heimische Obst wollte kaum noch jemand. In der Folge fielen Bäume der Säge reihenweise zum Opfer oder wurden nicht mehr gepflegt. Das herabfallende Obst vergammelt zu großen Teilen bis heute. Die einstigen Streuobstwiesen, die sich wie ein Gürtel um Hohenleipisch und Döllingen spannten und aus der Luft nach wie vor als solche zu erkennen sind, bieten heute zum größten Teil ein erbärmliches Bild. Einzig die Blütezeit lässt die einstige Pracht auf den privaten Ländereien erahnen. Darunter sind viele erhaltenswerte alte Sorten.

Ein vom Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft gefördertes Projekt soll die einst landschaftsprägenden Streuobstwiesen mit Süßkirsche, Apfel und Birne Schritt für Schritt wieder zurückholen. Das Modellvorhaben nennt sich Land(Auf)Schwung. Bundesweit gibt es nach Auskunft von Jörg Kösters von der Kompetenzstelle Streuobst im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft, kurz Kerngehäuse e. V., 14 teilnehmende Projekte beziehungsweise Regionen. Eine Region ist Elbe-Elster mit mehreren Aktivitäten. Dazu gehört eben die „Revitalisierung der bestehenden Streuobstbestände“.

Neben Fachleuten und einem Institut, die das Projekt fachlich begleiten, ist in Hohenleipisch der Obst- und Gartenbauverein Ansprechpartner. Er hat über viele Jahrzehnte alle Wirren überstanden. „Heute sind wir wieder etwa 70 Mitglieder, mit steigender Tendenz“, spürt Gert Anders den wachsenden Zuspruch unter den Landbesitzern mit Obstbautradition. Erst recht seit dem wieder belebten Obstaufkauf im vorigen Jahr herrsche eine gewisse Aufbruchstimmung.

Die Vereinsmitglieder pflanzen seit 15 Jahren wieder Obstbäume. Um die 1000 könnten es sein, schätzt Jana Opitz, Sachbearbeiterin Landnutzung und Regionalentwicklung im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft. Ursprünglich sollen sich die Streuobstwiesen um Hohenleipisch und Döllingen bis Plessa auf ungefähr 300 Hektar erstreckt haben. Auf einem Hektar standen und stehen zum Teil noch bis zu 100 Bäume. Die heute für die Revitalisierung verfügbare Fläche gibt sie grob mit 100 Hektar an. Davon bringen die Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins Hohenleipisch mindestens 40 Hektar ein, ergänzt Gert Anders. Es gebe also noch große Reserven.

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Das Revitalisierungsprojekt in Hohenleipisch umfasst nach Angaben von Jörg Kösters vom Verein Kerngehäuse aktuell drei Hektar Streuobstwiesen von fünf Hohenleipischer Obstbaumitgliedern. Weitere seien willkommen. Auf deren Flächen werden beispielhaft Bäume mit alten Obstsorten beziehungsweise mit denen veredelte neue Sorten gepflanzt. „Die nächste große Pflanzaktion mit mehr als 450 Bäumen ist im kommenden Herbst vorgesehen“, blickt Jana Opitz voraus. Das Material komme von Baumschulen, die auf alte Sorten spezialisiert seien. Finanziert werde das im Dezember 2019 nach eineinhalb Jahren endende Projekt vom Land(Auf)Schwung des Bundes und vom Naturpark. Den Obstbauern obliegt es, die neuen Vorzeigeflächen zu pflegen. Damit auch die pflanzende Generation die Früchte ihrer Arbeit ernten kann, werden Streuobstwiesen nach dem Bleiber-Weicher-System bepflanzt, erläutert Jörg Kösters. Während bei den primär gepflanzten Hochstämmen (Bleiber) bis zu 15 Jahre vergehen, ehe sie ordentlich Früchte tragen, werde dies bei den daneben gesetzten Halb- und Viertelstämmen (Weicher) nach vier bis sieben Jahren erreicht. Neben der wieder herzustellenden alten Kulturlandschaft soll der Einsatz der wiederkehrenden Freizeitobstbauern auch einen finanziellen Anreiz finden. Dazu wird mit der Bauer Fruchtsaft GmbH in Bad Liebenwerda kooperiert. Das namhafte Unternehmen betreibt seit 16 Jahren bereits Lohnobst-Annahmestellen in Südbrandenburg und Nordsachsen, informiert Marketingleiterin Heike Monien. Die jüngste befindet sich in Döllingen. „Allein durch die Annahme der Äpfel verhindern wir das Absägen der Bäume“, sagt sie. Nach dem Dürresommer 2018 habe die Streuobstwiese Maasdorf Apfelbäume zum Nachpflanzen erhalten. Die Neuanpflanzungen in Hohenleipisch werden begrüßt.

Streuobstäpfel und Quitten werden für verschiedene Bauer-Produkte verwendet. Aus Süßkirschen wird lieblicher Wein.

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Auszug aus der Lausitzer Rundschau vom 7.3.19 von Manfred Feller