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11.09.2019 12:23 Alter: 10 days

Von den Ratten zu den Auerhühnern

Goldenes Diplom in Doberlug-Kirchhain


Professor Heinz Fromhold (2.v.l.) im angeregten Gespräch mit Lars Thielemann und Dr. Alexander Zimmermann (r.), Leiter des Auerhuhn-Projektes. FOTO: Dieter Babbe

Doberlug-Kirchhain. Geballte Kompetenz mit viel Wissen und Erfahrung in der Forstwirtschaft vor und nach der Wende hat sich zum Goldenen Diplom in Doberlug getroffen. Für Joachim Mertzig war es ein Heimspiel – und eine Werbeveranstaltung für seine schöne Heimat. Von Dieter Babbe

Er erzählt gleich zu Beginn eine eher makabre Geschichte: Einmal ist die Sekretärin in ihr Büro gekommen, als plötzlich eine Ratte aus der Blumenvase sprang. Fortan trat die Frau künftig hart mit dem Fuß auf die Treppenstufen, bevor sie die Tür aufmachte. In diesem Haus hatte Joachim Mertzig die ersten Jahre nach seinem Forststudium seinen Schreibtisch zu stehen. Jetzt – nach 50 Jahren – trifft er hier seine früheren Kommilitonen bei einem Seminartreffen zur Übergabe des „Goldenen Diploms“ wieder. Geballte Kompetenz von Akademikern, Doktoren, sogar ein Professor ist dabei, allesamt Absolventen der Sektion Forstwirtschaft der TU Dresden in Tharandt, die sich bestens auskennen im Wald und in der Forstwirtschaft – mit beruflichen Umbrüchen in ihrem Leben, weil sie zwei Welten kennengelernt haben.

Freilich hat sich vieles geändert in den fünf Jahrzehnten. Aus der einstigen Rattenburg, dem Rautenstock in Doberlug, den Herzog Christian I. von Sachsen-Merseburg 1665 als Kavalierhaus für seine Schlossgäste hat bauen lassen, war zu DDR-Zeiten der Sitz des Staatlichen Forstwirtschaftsbetriebes, bevor der auszog, es lange leer stand und erst 2010 vom örtlichen Bauunternehmer Werner Röder übernommen, saniert und zu einem stilvollen Hotel und Café ausgebaut wurde – und von seiner Familie auch betrieben wird. Hier, in einem historischen und gepflegten Ambiente, haben Mertzigs Studienkollegen für drei Tage Quartier bezogen – angelockt aber nicht nur von der schicken Herberge.

Das in Deutschland wohl einzigartige Projekt zur Wiederansiedlung der Auerhühner hat das Interesse der Forstleute geweckt. Lars Thielemann, der Leiter des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft, berichtet am ersten Abend darüber, wie es erfolgreich gelungen ist, Auerhühner aus Schweden in unserer Region anzusiedeln. 340 Tiere sind bisher seit 2012 aus zwei Gebieten in Mittelschweden gefangen und im Naturpark ausgesetzt worden – alles gefördert von der EU. Im vorigen Jahr hat man 100 Auerhühner bei uns nachweisen können, etliche sind bereits hier geboren.

„Das ist ein Riesenerfolg. Großes Kompliment“, würdigt Carl-Heinrich Leißner – auch die Leidenschaft für dieses Projekt. Als Forstamtsleiter in Saalfeld hatte er schon zu DDR-Zeiten mit Naturfreunden versucht, den Rückgang der Auerhühner aufzuhalten. „Gelege, die wir bei den Waldarbeiten gefunden haben, wurden ausgebrütet und die Tiere in einer Aufzuchtstation aufgezogen, die dann ausgewildert wurden.“ Doch kaum ein Tier habe die Freiheit lange genießen können, zu einer dauerhaften Population sei es nicht gekommen. Carl-Heinrich Leißner musste erfahren: „Aufgezogene Auerhühner überleben in der Wildbahn kaum. Sie sind sehr krankheitsanfällig, haben sich an den Menschen gewöhnt und werden in der Natur schneller Opfer von Fuchs, Habicht und Waschbär.“

„Aus diesen und anderen Erfahrungen haben wir gelernt“, sagt Lars Thielemann, „deshalb holen wir Wildtiere aus Schweden, wo wir einmal im Jahr 60 Auerhühner und auch -hähne einfangen dürfen und sie auf schnellstem Wege und möglichst stressarm mit dem Flugzeug nach Deutschland bringen. Innerhalb von nur sechs Stunden werden sie bei uns im Wald ausgesetzt.“ Nicht ohne Stolz erklärt Lars Thielemann: „Es gibt einige Projekte in Deutschland, um das Auerhuhn durch Wiederansiedlung vor dem Aussterben zu retten. Unser ist bisher das erfolgreichste.“ Noch bis 2020 werden in Mittelschweden, wo in der Fanggegend bis zu 6000 Auerhühner jährlich geschossen werden und der Bestand deshalb nicht gefährdet ist, Tiere eingefangen und in den Elbe-Elster-Kreis gebracht. Dann hofft man, dass die Auerhühner sich wieder dauerhaft in unserer Region ansiedeln werden. Im vorigen Jahr sind 280 Tiere gesichtet und der Naturparkverwaltung gemeldet worden – so viele wie in keinem Jahr davor.

Zu den früheren Kommilitonen, die beachtliche berufliche Karrieren in der DDR und auch nach der Wende hatten, gehört auch Herbert Wötzel. Der 74-Jährige war Oberförster in der Altmark und später sogar bis ins DDR-Forstwirtschaftsministerium aufgestiegen – „als es zu den großen Waldschäden im Erzgebirge und in Thüringen kam und man was dagegen tun wollte“. Kurz vor dem Ende der DDR sei er sogar als Generalforstmeister vorgesehen gewesen – „aber immer um den Minister herumscharwenzeln, das war nichts für mich“.

Eine interessante Aufgabe kam dann nach der Wende auf ihn zu, als die Treuhand den kompetenten Mann einstellte, um die Waldverkäufe zu organisieren. „So ist auch der frühere Grafenwald in Sonnewalde wieder an Graf Solms zu privilegierten, aber gesetzlichen Bedingungen verkauft worden“, erinnert sich Herbert Wötzel an einen Fall in der Region. Ärgerlich wird er, wenn er auf die Forststruktur in Brandenburg zu sprechen kommt: „Eine Forstreform jagt die andere. Dabei wird die Präsenz der Förster immer mehr ausgedünnt, weil sie zu große Reviere bekommen. Zum Schaden der kleinen Waldbesitzer, denen der nahe Ansprechpartner und damit die Hilfe fehlt, die sie brauchen“, bedauert Wötzel – und schiebt nach: „Letztlich geht es nicht um den Wald, sondern um die Einsparung von Personal.“

Ein echter Spätdurchstarter nach der Wende ist Heinz Fromhold. Der Thüringer hat die Waldarbeit zunächst als schlagfertiger Holzfäller von der Pike auf gelernt, bevor er zum Studium ging. Hier beschäftigte er sich in seiner Diplomarbeit mit der Datenerfassung aus der Luft. „Anhand von Luftbildern kann man erkennen, wieviel Holz ein Baum hat“, sagt Fromhold. Dazu sei er viel mit dem Flugzeug unterwegs gewesen, „heute machen das Drohnen“. Als er am Institut für Forstwirtschaft in Eberswalde den Kontakt zu seiner Westverwandtschaft abbrechen sollte, kam es zum Eklat. Fromhold verabschiedete sich von der Forstwirtschaft und wurde zum „Aussteiger“, wie er sagt, wechselte das Metier und arbeitete als Müller. Nach der Wende war sein Wissen wieder gefragt, er wurde stellvertretender Leiter des Landesforstamtes in Königs Wusterhausen und wechselte erneut zum Institut. Hier bekam er sogar eine Professur – der 75-Jährige unterrichtet im Wintersemester noch immer in zwei Fächern.

Joachim Mertzig, der Gastgeber des Seminartreffens, ist sein Leben lang beruflich seiner Heimat treu geblieben. Dabei erinnert er sich an die Zeit vor der Wende nur ungern – als er das Oppelhainer Holzausformungswerk aufbauen und dann leiten musste. „Und das mit störanfälliger, veralteter russischer Technik, die dem Stand in Deutschland aus der Weimarer Zeit entsprach, wo zudem ständig Ersatzteile fehlten.“ Mertzig spricht von der „schwersten Zeit meines Berufslebens“. Von der zweiten Lebenshälfte als Dezernatsleiter und Vize-Amtsleiter im Forstamt Doberlug-Kirchhain, wo er für den Holzeinschlag und –verkauf zuständig war, berichtet er dagegen gern.

Joachim Mertzig ist nicht nur eingefleischter Forstmann, er ist auch sehr eng mit seiner Heimat verwurzelt – und regelrecht in den Stadtteil Doberlug verliebt. Das spüren die früheren Mitstudenten seiner Seminargruppe beim Rundgang durch das sanierte Schlossareal, wo er ein kundiger Erklärer war. In der Klosterkirche übernimmt dann Elvira Bratsch von der Kirchengemeinde das Zepter. Sie erzählt von den Mönchen, die hier sieben Mal am Tag beteten, wo im Hohen Chor noch der wertvolle Mosaikfußboden erhalten geblieben ist, von der im Krieg verloren gegangenen Taufschale, die auf einem Bauernhof in Lindena als Ententränke genutzt wurde, später in Westberlin landete und vor einigen Jahren erst durch Zufall wieder an ihren alten Platz kam – und vom jüngsten Plan: Die Klosterkirche soll eine neue, besser klingende Glocke bekommen. Bei einer Ausfahrt mit dem Kremser hin zum Naturpark bei Hohenleipisch, wo jetzt herrlich die Heide blüht, ruft plötzlich einer der Forstleute laut: „Ich habe einen Auerhahn gesehen!“ Tatsächlich – als Bild an einer Hauswand in Sorno. In zwei Jahren wollen sich die Absolventen des Abschlussjahrganges 1969 wieder treffen, diesmal vermutlich im Harz. Es wird für den Organisator dann schwer werden, das Programm von Joachim Mertzig noch zu toppen.

Auszug aus der Lausitzer Rundschau vom 11.9.19 von Dieter Babbe

https://www.lr-online.de/lausitz/finsterwalde/goldenes-diplom-der-forstwirte-in-doberlug-kirchhain-gefeiert_aid-45750953