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11.12.2012 08:30 Alter: 5 yrs

"Im Frühjahr müssen Hähne hier sein"

Fachtagung zur Wiederansiedlung des Auerhuhns zieht Zwischenbilanz


Uwe Lindner, Lars Thielemann und Falko Göbert (v. l.) beim Anlegen eines Senders an ein Auerhuhn.

Mit Spannung verfolgen Fachwelt und Öffentlichkeit den Versuch, den Charaktervogel der Lausitz wieder in der Region heimisch zu machen. Dringendstes Problem: Bis zum Frühjahr müssen Auerhähne beschafft werden. Misslingen weitere Fangversuche in Schweden, muss zur Not auf Zuchttiere zurückgegriffen werden. Nach einer Fachtagung in Bad Liebenwerda sprach die RUNDSCHAU mit Lars Thielemann und Uwe Lindner, die das Projekt vor Ort vorantreiben.</figcaption><//figcaption></figure><//figure>

Zwei Tage lang haben sich Fachleute aus Deutschland, Schweden, Polen und der Schweiz im Herzen des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft in Bad Liebenwerda mit dem Wohl und Wehe eines Tieres beschäftigt – des Auerhuhns. Hat sich der Aufwand gelohnt?
Lars Thielemann: Uns gegenüber haben sich die Teilnehmer überaus zufrieden geäußert, haben sich –zig Mal bedankt. Es gibt tatsächlich so etwas wie eine Familie derer, die sich seit vielen Jahren mit diesem Tier beschäftigen und sich als eine Gemeinschaft empfinden. Ich denke, dass der direkte Austausch untereinander allen etwas gegeben hat.

Aus Lausitzer Sicht war es das Ziel, für das laufende Pilotprojekt zur Wiederansiedlung des Auerhuhns in den hiesigen Breiten konkreten Nutzen zu ziehen. Ist das gelungen?
Lars Thielemann: Wir haben vor allem zwischen den Vorträgen viele Dinge klären können. Immerhin hatten wir ja mit Michael Schneider vom Schwedischen Zentralamt für Naturschutz, Prof. Torleif Eriksson von der Bezirksregierung in Västerbotton und Per-Arne Ahlen, dem Koordinator der Fangaktion, alle wichtigen schwedischen Partner an einem Tisch. Wir konnten besprechen, wie wir es bis zum Februar schaffen können, die uns noch fehlenden Hähne zu fangen und in die Lausitz zu bekommen.

Erklären Sie bitte, warum dies so entscheidend für den Fortgang des Projektes ist.
Uwe Lindner: Wenn wir die Hennen in der Balzzeit im Frühjahr allein lassen, besteht die Gefahr, dass sie sich zu weiten Suchflügen aufmachen, verdriften und wir den Kontakt zu ihnen verlieren. Wir wünschen uns natürlich, dass sie hier Nachwuchs bekommen und sich im Gebiet etablieren.

Das Fangen der Hähne stellt sich schwieriger dar, als gedacht. Wird über Alternativen zu den Wildfängen nachgedacht?
Lars Thielemann: Zunächst sind wir noch sehr optimistisch, dass wir das mit den Wildfängen hinbekommen. Die schwedischen Partner wollen den Fangort von den Bergen in Richtung Küste verlegen und auch eine andere Fangmethode anwenden. Anstelle der Kescher, mit denen die 26 Hennen im Frühjahr auf der Suche nach frischem Grün vom fahrenden Fahrzeug aus gefangen wurden, soll jetzt die Romanow-Falle eingesetzt werden.

Romanow-Falle?
Uwe Lindner: Das ist eine Art angeklapptes Zeltgestell, das sich bei Berührung über den Tieren schließt. Die Vögel kommen unter das Zeltdach, um die dort ausgelegten Magensteinchen aufzunehmen, die sie im Schnee schwer finden, aber zur Verdauung der Nahrung benötigen. Im Winter sind das vor allem Kiefernnadeln.

Und wenn es auch mit der Romanow-Falle nicht klappt?
Lars Thielemann: Wir haben die Legitimation vom Beirat des Auerhuhn-Projektes bekommen, uns auch auf das Beschaffen von Zuchttieren vorzubereiten. Das Entscheidende ist: Im Frühjahr müssen Hähne hier sein.

Wie in den Fachvorträgen zu hören war, gibt es bisher in Deutschland keinen wirklich durchschlagenden Erfolg mit Wiederansiedlungsversuchen von Auerhühnern. Woher nehmen Sie die Zuversicht, dass es in der Lausitz mit einer sich selbst tragenden Population klappen könnte?
Lars Thielemann: Wir können auf sehr viele Erfahrungen aufbauen. So hatte es in Thüringen mit den großen Beständen an Fichten und der entsprechenden Bodenvegetation nur punktuell wirklich geeignete Lebensräume für das Tier gegeben. Aber die dort lokalisierten russischen Tiere haben gezeigt, dass Wildfänge mit etwa 280 Tagen eine deutlich höhere durchschnittliche Überlebensrate hatten als im Harz ausgesetzte Zuchttiere. Hier lag die Rate bei 20 Tagen.

Uwe Lindner: Und man muss hervorheben, dass man sich in der Lausitz seit etwa 15 Jahren auf die Wiederansiedlung vorbereitet, indem der Lebensraum für die Tiere entwickelt wird.

 

Dennoch bedeutet das drei Jahre dauernde Pilotprojekt nicht zwingend, dass es zu einer Wiederansiedlung kommen wird.
Lars Thielemann: Wir wollen mit unseren Erkenntnissen eine wissenschaftliche Basis für die Entscheidung liefern. Sollte sie für eine Wiederansiedlung des Auerhuhns fallen, dann muss sicher weitere zehn Jahre gezielt an dem Vorhaben gearbeitet werden.

Ist der Erfolg des Pilotprojektes an eine konkrete Zahl überlebender Tiere nach drei Jahren geknüpft?
Uwe Lindner: Nicht unbedingt. Es gibt zum Beispiel auch in Schweden gute und schlechte Populationsphasen, mal mehr, mal weniger Tiere. Wichtig ist die Erkenntnis, ob die Bedingungen stimmen, die für die Tiere ausschlaggebend sind.

Lars Thielemann: Am Ende wird es eine klare Liste von Erkenntnissen darüber geben. Manche unterscheiden sich schon jetzt von jahrelang als richtig betrachteten.

Zum Beispiel?
Lars Thielemann: Dass Wälder durchaus jünger und dichter im Bewuchs sein können, als bislang angenommen.

Wie sieht die Zwischenbilanz des Projektes nach einem guten halben Jahr aus?
Uwe Lindner: Elf der jetzt insgesamt 28 ausgesetzten Tiere sind nachweislich nicht mehr am Leben. Von 20 mit einem Sender ausgestatteten Tieren sind neun tot. Zu acht besenderten Tieren haben wir regelmäßig Kontakt. Bis Ende November gab es 2700 Positionsbestimmungen der Tiere. Das ist eine Datenmenge, mit der man viel anfangen kann. Als Todesursachen konnten sowohl Prädatoren als auch durch Menschen bedingte Gründe ausgemacht werden. So ist ein Tier von einem Hofhund erlegt worden, zwei starben nach Kollision mit einem Funkmast beziehungsweise einer Hochspannungsleitung. In zwei Fällen ist die Todesursache unklar und bei einem weiteren sind am Sender Bissspuren von einem Marder entdeckt worden. In vier Fällen ist der Habicht als Todesursache festgestellt worden, in einem der Fuchs.

Letzteres überrascht ein wenig. Das Jagen des Fuchses wird immer wieder und sehr nachhaltig gefordert, um das Auerhuhn zu schützen.
Lars Thielemann: Prädatoren wie der Fuchs sind ganz klar wichtige Wirkfaktoren. Doch es gibt sehr unterschiedliche Sichtweisen, auch in der Arbeitsgruppe Auerhuhn. Ich meine, dass es dauerhaft nicht funktioniert, eine Art niedriger zu halten, als es deren ökologische Potenz hergibt. Das Auerhuhn ist an sich gut vorbereitet, dem Fuchs aus dem Weg zu gehen.

Uwe Lindner: Eine andere Situation ist gegeben, wenn die Tiere Eier gelegt haben. Zumindest in der Anfangsphase sollte man ihnen den Rücken freihalten.

Lars Thielemann: Hier wird es uns innerhalb des Pilotprojektes möglich sein, Rückschlüsse aus zwei verschiedenen Ansätzen zu ziehen – in der Liebenwerdaer Heide ohne den Fuchs zu bejagen und in der Rochauer Heide, indem er bejagt wird.

Wie bei der Fachtagung deutlich wurde, gibt es eine große Gemeinschaft von Menschen, die sich der Wiederansiedlung des Auerhuhns mit großem Herzblut widmen. Wie erklären Sie das Engagement gerade für dieses Tier?
Lars Thielemann: Es ist sicher zunächst die Faszination, die von diesem imposanten Vogel ausgeht und die bis ins Mittelalter zurückreicht. Doch heute steht er vor allem für die Qualität einer ganzen Landschaft, für naturnahe Wälder, die das Wohlbefinden des Menschen fördern, stabiler und damit fortswirtschaftlich sicherer sind und letztendlich auch ein touristisches Potenzial darstellen.

Uwe Lindner: Wenn wir für diese Art etwas tun, haben wir für viele andere etwas erreicht. Das Auerhuhn gilt nicht umsonst als Flaggschiff.

Lars Thielemann: So gesehen, können wir mit unserem Pilotprojekt eigentlich gar nicht scheitern. Selbst wenn es nicht zu einer Wiederansiedlung des Auerhuhns käme, haben wir klare Erkenntnisse über unsere Landschaft gewonnen.

Wie ist diese von den Gästen aus dem Heimatland der Auerhühner bewertet worden?
Lars Thielemann: Sie haben sie als geeignet eingeschätzt. Für sie war es wichtig, hier zu sehen, was wir tun. Sehr viel Mut haben uns auch viele andere Gäste gemacht. So Siegfried Klaus vom Thüringer Ornithologen-Verein, der als Auerhuhn-Spezialist Ostdeutschlands gilt. Es wäre aus seiner Sicht höchste Zeit, dass wieder eine neue Tür für den Erhalt der Artenvielfalt, für das Auerhuhn aufgestoßen werde.

Gab es bei der Tagung auch Überraschungsgäste?
Lars Thielemann: Meinen ehemaligen Biologielehrer aus Doberlug-Kirchhain, der heute, hoch betagt, in Berlin lebt. Gerhard Eske interessiert sich so für das Projekt, dass er extra nach Bad Liebenwerda gekommen ist.

Das Gespräch führte

Gabi Böttcher.

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Das Pilotprojekt zur Wiederansiedlung des Auerhuhns ist Teil des Artenschutzprogrammes "Auerhuhn" des Landes Brandenburg und läuft bis zum Jahr 2014.Nach dem Aussetzen schwedischer Wildfänge im Mai 2012 in der Liebenwerdaer Heide sollen im Frühjahr 2013 weitere bis zu 30 Tiere in der Rochauer Heide ausgewildert werden. Insgesamt 16 000 Hektar sind als Entwicklungsgebiet für das Tier ermittelt worden. In Deutschland wird der Gesamtbestand auf etwa 2000 Tiere geschätzt.Finanziert wird das Vorhaben durch Mittel der EU, des Landes Brandenburg und unterstützt durch die Sparkassenstiftung "Zukunft Elbe-Elster-Land", die Stiftung Naturschutzfonds Brandenburg, die Lotterie Glücksspirale sowie die HIT-Umweltstiftung. Lars Thielemann ist Leiter der Naturparkverwaltung im Naturpark Niederlausitzer Heidelandschaft und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Auerhuhn.Uwe Lindner ist Koordinator des Auerhuhn-Projektes im Förderverein des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft. Kennen Sie Menschen, die Interessantes zu sagen haben? Schlagen Sie Gesprächspartner vor: Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, redaktion(at)lr-online.de

Auszug aus der Lausitzer Rundschau vom 11.12.12 von Frau Böttcher

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