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< Naturwacht versorgt verletzte Tiere
08.01.2013 09:16 Alter: 4 yrs

Die Rückkehr des Auerhuhns

RUNDSCHAU-Serie Teil VII: Ein einstiger Charaktervogel der Lausitz soll in Südbrandenburg wieder heimisch werden


Foto: Ingo Decker

Bad Liebenwerda In unserer Serie "Momente 2012" blicken RUNDSCHAU-Redakteure auf die Ereignisse zurück, die sie im zu Ende gehenden Jahr am meisten bewegt haben. Heute im letzten Teil: Gabi Böttcher über die Wiederansiedlung des Auerhuhns im Süden Brandenburgs, die nicht nur in Elbe-Elster aufhorchen lässt. </header><//header><figure align="left" class="articleImage gradient clearfix zoom"></figure><figcaption class="articleImageCaption"></figcaption>"Ich war mit dem Rad unterwegs, da flog es in den Baum", so Ingo Decker über seine Begegnung mit einem Auerhuhn. </figcaption><//figcaption></figure><//figure>

In diesem Sommer und dem sich anschließenden Herbst radelte ich anders als noch im Jahr zuvor durch die Wälder im Süden Brandenburgs. Es könnte aus dem Verborgenen etwas auftauchen, das hier viele Jahre lang nicht mehr gesehen worden war. Aufmerksamer als gewohnt richtete sich mein Blick durch die Bäume hindurch über Blaubeersträucher hinweg und hinauf in die Wipfel. Vielleicht würde ich Glück haben wie Ingo Decker aus Hohenleipisch und Christoph Mertzig aus Doberlug-Kirchhain. Sie gehörten zu den Ersten, die in freier Wildbahn entdeckten, was seit Ende der 90er-Jahre in diesen Breitengraden nicht mehr zu sehen war: ein Auerhuhn. Dieses Glück sollte mir bisher nicht beschieden sein. Vielleicht, weil ich meine Portion Naturerlebnis der besonderen Art schon am Freitag, dem 18. Mai, genossen hatte. An diesem Tag waren die Letzten von insgesamt 26 Auerhühnern, die zuvor in Schweden gefangen worden waren, im Naturschutzgebiet Forsthaus Prösa in der Liebenwerdaer Heide in ihre neue Freiheit entlassen worden. Zwei weitere kamen im Oktober hinzu. Im Frühjahr 2013 sollen erneut bis zu 30 Tiere in der Rochauer Heide ausgewildert werden. Unter ihnen dann hoffentlich auch Hähne. Deren Fang stellte sich bisher als ein Ding der Unmöglichkeit dar. Doch Hähne müssen bis zum Frühjahr dringend beschafft werden. Um auch den Hennen die neue Heimat lebenswerter zu machen. Die Akteure um Lars Thielemann, Leiter des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft und Vorsitzender der Arbeitsgruppe Auerhuhn, sowie Projektkoordinator Uwe Lindner haben grünes Licht bekommen, sich unter dem gegebenen Zeitdruck um Gehegetiere zu kümmern. Kontakte zu Züchtern in Deutschland, Österreich und Belgien sind aufgenommen.

Doch an eine solche Schwierigkeit war im Mai noch nicht zu denken gewesen. Wie die Superstars waren die Auerhühner aus Schweden an jenem Tag im Naturschutzgebiet Forsthaus Prösa bestaunt worden – bei Bilderbuchwetter, in einem lichtdurchfluteten Wald, wie man ihn sich schöner kaum vorstellen kann. Dazu großer Bahnhof mit Brandenburgs Umweltministerin Anita Tack (Die Linke) und beachtlichem Medienauflauf. Auch wenn die Projektverantwortlichen am liebsten auf großen Rummel verzichtet hätten – eine bewusste Anteilnahme der Öffentlichkeit an dem einzigartigen Pilotprojekt als Teil des Artenschutzprogrammes "Auerhuhn" des Landes Brandenburg war und ist ihnen ebenso wichtig.

Zur dezenten Zurückhaltung mussten Thielemann und Co. die an diesem Tag Versammelten nicht extra auffordern. Es lag eine gewisse feierliche Ruhe und Spannung in der Luft. Wie würden die gefiederten Gäste aus Schweden die Freilassung aus ihren Transportkabinen meistern? Bis auf zwei der Hauptdarsteller für den öffentlichen Akt hatten die anderen die Situation schon in den Tagen zuvor bestanden. Und die letzten zwei legten ebenfalls einen Traumstart in die Liebenwerdaer Heide hin. In Sekundenschnelle war alles vorbei, die Vögel den Blicken des Empfangskomitees entschwunden. Ein paar Federn, die sie dabei lassen mussten, wurden für die Gäste des historischen Moments zu Trophäen.

Eine davon fand ihren Platz in der Elsterwerdaer Rundschau-Redaktion. Anita Tacks Prognose an jenem Mai-Tag: "Die werden sich hier wohlfühlen."

Zwischenbilanz ist inzwischen bei einer international besetzten Fachtagung zu Beginn dieses Monats in Bad Liebenwerda gezogen worden. Obwohl elf der insgesamt 28 ausgesetzten Tiere nachweislich nicht mehr am Leben sind, fiel sie positiv aus. Der regelmäßige Kontakt zu acht mit einem Sender ausgestatteten Tieren bringt eine Fülle von Daten, die für die wissenschaftliche Auswertung zur Verfügung stehen. Das Leben und Überleben des Auerhuhns in der Lausitz ließe Rückschlüsse auf die Qualität der Landschaft zu, die in den zurückliegenden 15 Jahren für die Rückkehr des einstigen Charaktervogels der Region fit gemacht wurde. Und zwar in beeindruckendem Miteinander von Naturschützern, Jägern und Förstern, wie Hubertus Kraut, Direktor des Landesbetriebes Forst Brandenburg, die enge Zusammenarbeit trotz unterschiedlicher Interessen lobte.

Und obwohl erst nach dem Ende der Pilotphase im Jahr 2014 über eine tatsächliche Wiederansiedlung des Wappentiers des Naturparks Niederlausitzer Heidelandschaft entschieden wird, sagt Lars Thielemann schon heute: "Eigentlich können wir gar nicht scheitern. Selbst wenn es nicht zu einer Wiederansiedlung des Auerhuhns käme, haben wir klare Erkenntnisse über unsere Landschaft gewonnen." Seismograf ist das Auerhuhn. Wenn dieses sich in Südbrandenburg wieder wohlfühlt wie einst, sei das ein Qualitätssiegel für eine Landschaft, in der sich auch der Mensch und viele Tierarten wohlfühlen können. Und stellen wir uns den Anblick vor, wenn wir den stolzen Vogel in den Wäldern Südbrandenburgs tatsächlich wieder zu Gesicht bekämen.

Auszug aus der Lausitzer Rundschau vom 29. / 30.12.12 von Fr. Böttcher